Schöner Radfahren

Meine gute Freundin Julia ist ein richtiger Sportmuffel. Lade ich sie zu einer Radtour ein, winkt sie stets dankend ab, lädt mich dafür aber regelmäßig zu einem „Kaffee danach“ ein. Natürlich nicht ohne ihre berühmten Gute-Morgen-Küchlein, da sie zwar Sportmuffel, dafür aber eine begnadete Bäckerin ist. Meine schönen Vorsätze, durch meinen Sport auch Kalorien zu verbrennen, werden dadurch auf nahezu perfide Weise durchkreuzt. Ich liebe diese Einladungen sehr.

Vor zwei Wochen ist dann etwas passiert, das mich ratlos machte. Inzwischen lade ich Julia nicht mehr zu solchen schweißtreibenden Veranstaltungen ein, weil ich sie gern dabei hätte. Nein, ich weiß ja, dass sie damit nicht zu locken ist. Wenn ich sie einlade, dann nur, um ihr zeigen zu können, dass ich natürlich megasportlich bin. So richtig in Bewunderung verfällt sie dann zwar immer noch nicht, aber wir haben immerhin ein Gesprächsthema, in dem ich mich auch wirklich auskenne. Wie gesagt, vor zwei Wochen geschah etwas Unerwartetes. Julia fragte mich, ob wir nicht mal wieder eine Radtour machen könnten.

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Ich stutzte. Mal wieder? Trotz meines fortgeschrittenen Alters funktioniert mein Gedächtnis noch einigermaßen, so dass ich schnell rekapitulieren konnte, dass wir genau eine Radtour zusammen unternommen hatten. Und die ging zu einer Milchbar, die von ihrer Wohnung keinen Kilometer entfernt lag. Also „mal wieder“ eine Radtour. Ich schaute sie lange an. Drogen schien sie mir nicht zu nehmen. Woher also dieses verdächtige Interesse am Sport?
Da ich dies sicher nicht herausfinden würde, wenn ich ihre Einladung ausschlüge, sagte ich zögernd zu. Das konnte doch nur schief gehen, dachte ich im Geheimen. Weiterlesen

Rotlicht-Therapie

© OL / ol-cartoon.de

Ein soziologisches Phänomen geistert durch unsere Straßen. Brave Bürger hetzen bei Rot über Straßen, Radfahrer fahren hektisch über Kreuzungen und Autofahrer geben Gas, sobald die Ampel auf Gelb springt.
In lang zurückliegenden Zeiten wurde die Ampel wie ein Sinnbild der Verkehrsgötter verehrt. Zwar wurde nicht um sie herumgetanzt wie um das goldene Kalb. Dennoch war sie nahezu heilig. Stand sie auf Rot, stand auch der Verkehr. Zeigte sie Grün, setze sich alles in Bewegung. Mythen und Sagen erzählen heute noch davon. Heute finden Forscher noch Reste dieses antrainierten Verhaltens bei älteren Mitmenschen. Bereits jetzt fürchten Vertreter dieser Zunft, dass bald der letzte Ampeltreue ausgestorben sein könnte. Problematisch daran ist, dass mit dem Verschwinden der liebevoll „Ampelmenschen“ genannten Spezies die Forschung ihrer Objekte beraubt sein wird. Anstelle von Soziologen wird es dann zukünftig Aufgabe von Historikern sein, dieses Phänomen der Vergangenheit zu untersuchen. Weiterlesen

Die Entdeckung der Schnelligkeit

Der Begriff Entschleunigung ist in aller Munde.

Will man sein Kind morgens rechtzeitig zur Schule schicken heißt es nicht mehr genervt: „Ja Papa, ich mach ja schon!“ sondern: „Mensch, Entschleunigung ist angesagt. Keep  cool!“. Wo man auch hinblickt: Entschleunigung. Bestes Beispiel ist die Berliner S-Bahn. Diese wurde so perfekt entschleunigt, dass einige Strecken gar nicht mehr bedient werden.

© OL / ol-cartoon.de

Neu ist dieses Phänomen nicht. Schon im vorletzten Jahrhundert sollen Mediziner vor der Fahrt mit der damals brandneuen Eisenbahn gewarnt haben. Schwindel und Irrsinn seien von den Warnenden postuliert worden. Leider ist es nicht unwahrscheinlich, dass das Gutachten des „Königlich Bayrischen Medizinalkollegiums“ über die Gesundheitsrisiken der Eisenbahn, das die Quelle der Warnungen gewesen sein soll, nie existiert hat. Weil es aber schade wäre, wenn es dies nicht gegeben haben sollte, wurde es kurzerhand erfunden und fleißig zitiert oder erwähnt. So auch von mir. Weiterlesen

Mit dem Fahrrad zur Königin

So oder ähnlich lasen sich die Schlagzeilen der Politik-Seiten dieser Tage. Man stelle sich vor: eine ganze Regierung fährt mit dem Fahrrad zum Staatsoberhaupt, um den obligatorischen Antrittsbesuch zu absolvieren. Angela Merkel tauscht ihre 6-Zylinder-Limousine gegen ein Faltrad, Guido Westerwelle fährt mit dem Cruiser und Ursula von der Leyen zieht einen Fahrradanhänger mit einem ihrer 11 Kinder hinter sich her. Oder waren es doch nur 5? Alle hintereinander auf dem Radweg Richtung Schloss Bellevue. Nein, nicht die 11 Kinder, sondern die Politprominenz.

Unmöglich? Dänemark macht es vor, setzt Maßstäbe, ist sozusagen Weltspitze.

Yacht der dänischen Königsfamilie © Windrose / pixelio.de

War unser nördlicher Nachbarstaat in den letzten Monaten lediglich als Urlaubsort und Schengen-Aussetzer im Fokus der deutschen Berichterstattung, hat er sich jetzt – einmal wieder – als Musterland des Radfahrens an die Spitze der Slow-Cycle-Bewegung gesetzt und den fortschrittlichen Deutschen gezeigt, wo die Speiche hängt. Weiterlesen