Mit dem Fahrrad zur Königin

So oder ähnlich lasen sich die Schlagzeilen der Politik-Seiten dieser Tage. Man stelle sich vor: eine ganze Regierung fährt mit dem Fahrrad zum Staatsoberhaupt, um den obligatorischen Antrittsbesuch zu absolvieren. Angela Merkel tauscht ihre 6-Zylinder-Limousine gegen ein Faltrad, Guido Westerwelle fährt mit dem Cruiser und Ursula von der Leyen zieht einen Fahrradanhänger mit einem ihrer 11 Kinder hinter sich her. Oder waren es doch nur 5? Alle hintereinander auf dem Radweg Richtung Schloss Bellevue. Nein, nicht die 11 Kinder, sondern die Politprominenz.

Unmöglich? Dänemark macht es vor, setzt Maßstäbe, ist sozusagen Weltspitze.

Yacht der dänischen Königsfamilie © Windrose / pixelio.de

War unser nördlicher Nachbarstaat in den letzten Monaten lediglich als Urlaubsort und Schengen-Aussetzer im Fokus der deutschen Berichterstattung, hat er sich jetzt – einmal wieder – als Musterland des Radfahrens an die Spitze der Slow-Cycle-Bewegung gesetzt und den fortschrittlichen Deutschen gezeigt, wo die Speiche hängt.

Im Mutterland des motorisierten Individualverkehrs ist ein derartiges Bekenntnis zum Umweltschutz leider noch Zukunftsmusik. Umweltverbände loben unsere Politprominenz bereits, wenn statt der CO2-Schleuder mit 200 PS ein PKW der gehobenen Mittelklasse und geringfügig reduzierten Emissionen im Fuhrpark gesichtet wird*. Zugegeben, ein seltenes Lob, steht das Sprit- und CO2-Sparmobil doch eher auf der Exotenweide als im bundesdeutschen Normstall unserer Promis.

Fragt man sich, woran dies liegt, bleiben viele Fragen offen.

Ein paar Antwortvorschläge:

Deutschland ist größer. Der Otto-Normalpolitiker Dänemarks kann seinen Wahlkreis mit dem Skateboard abfahren, ohne Angst haben zu müssen, zu spät zum Mittagessen zurück zu sein. Der Wahlkreis des Otto-Normalpolitikers Deutschlands ist nachweislich nicht größer, fühlt sich aber größer an. Daher fürchtet der bundesdeutsche Wahlkämpfer, dass die Ehefrau zuhause seine Wahlkampftournee nicht als solche zu würdigen weiß und ihn fragt, ob er schon wieder die Nacht sonstwo zugebracht habe.

Deutschland ist wichtiger. Was die Dänen machen, interessiert eh fast niemanden, gerade mal ein paar Grönländer. Daher müssen sie nicht modern tun, sondern können auf ihren altmodischen Hollandrädern daherkommen. Fährt unser Bundesverkehrsminister hingegen nicht mit dem PKW, bricht unser Exportüberschuss mangels Vertrauens in die deutsche Automobilwirtschaft zusammen wie die Moral der deutschen Truppen nach einem Besuch des deutschen Außenministers an der Front in Kandahar.

Deutschland ist grüner. Gibt es in Dänemark einen Schwarzwald? Wo sind die dänischen Eichenwälder, durch die Wölfe und Luchse streifen? Die saftigen grünen Bergwiesen mit den Murmeltieren? Die Gämsen? Eben. Dänemark braucht das Fahrradfahren wie die Umweltfrevler die aufgekauften CO2-Emissionszertifikate. Bis in Dänemark wieder die Bergwiesen grünen, sollen die Dänen ruhig mit dem Rad zur Königin rollen.

Deutschland hat keine Königin. Und das aus gutem Grund. Wozu sollen wir dann auch mit dem Fahrrad zur Königin fahren?

Man sieht: Die dänische Regierung hat es einfach nötig. Wer dieses Land regieren will, ist unter Zugzwang. Irgend einen Unterschied muss man einfach aufzeigen, sonst hätten die Wähler gleich wieder die Rechten wählen können. Wenn schon die dänischen Grenzen nicht mehr sicher sind, muss die Bevölkerung wenigstens ein gutes Gefühl in Bezug auf ihre Regierung haben können.

Dummerweise sind Sie, liebe Leserin, lieber Leser, Radfahrer. Und wollen nicht lesen, warum Merkel und Co. nicht mit dem Rad fahren müssen. Sie haben Recht. Ich beuge mich selbstverständlich Ihren Wünschen. Daher erfahren Sie nun – quasi weltexklusiv – wie es dazu kommen wird, dass die erste deutsche Regierung mit dem Fahrrad zum Staatsoberhaupt vorfährt.

Nicht die Energiekrise. Diese hatten wir schon – eine gute Idee, die aber nix gebracht hat. Auch die Rückkehr derer von Habsburg auf den (bundes)deutschen Thron schließen wir in weiser Voraussicht aus.

Nein. Einfach. Ganz einfach. Nach der Nominierung Jan Ullrichs als Bundeskanzlerkanditaten durch die Piraten und seinem glänzenden Wahlerfolg im Jahre 2024 wurde der 3. Oktober mit dem Velothon zusammengelegt und die Festmeile und damit auch die Velothonroute auf die Strecke zwischen Bundeskanzleramt und Schloss Bellevue verlegt. Die Bundesregierung wurde aus Altersgründen in Velotaxen aus dem VIP-Block zum Ziel katapultiert, so dass nun endlich auch die Bundesrepublik Deutschland zu seiner wohlverdienten radfahrenden Regierung kam und mit 13-jährigen Verspätung in den exklusiven Kreis der Nationen, die ohne PKW beim Staatsoberhaupt vorfuhr, aufgenommen wurde. Gleich nach Dänemark, den Niederlanden, Botswana und den Fitschiinseln. Darauf lohnt sich doch das Warten, nicht wahr?

Glaubt jedenfalls Ihr Politikexperte BikeBloggerBerlin.

*Pressemitteilung der Deutschen Umwelthilfe

Der Artikel ist im Original im Mitgliedermagazin des ADFC Berlin, radzeit Ausgabe 6/2011 in der Rubrik Feuilleton erschienen.

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