Rotlicht-Therapie

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Ein soziologisches Phänomen geistert durch unsere Straßen. Brave Bürger hetzen bei Rot über Straßen, Radfahrer fahren hektisch über Kreuzungen und Autofahrer geben Gas, sobald die Ampel auf Gelb springt.
In lang zurückliegenden Zeiten wurde die Ampel wie ein Sinnbild der Verkehrsgötter verehrt. Zwar wurde nicht um sie herumgetanzt wie um das goldene Kalb. Dennoch war sie nahezu heilig. Stand sie auf Rot, stand auch der Verkehr. Zeigte sie Grün, setze sich alles in Bewegung. Mythen und Sagen erzählen heute noch davon. Heute finden Forscher noch Reste dieses antrainierten Verhaltens bei älteren Mitmenschen. Bereits jetzt fürchten Vertreter dieser Zunft, dass bald der letzte Ampeltreue ausgestorben sein könnte. Problematisch daran ist, dass mit dem Verschwinden der liebevoll „Ampelmenschen“ genannten Spezies die Forschung ihrer Objekte beraubt sein wird. Anstelle von Soziologen wird es dann zukünftig Aufgabe von Historikern sein, dieses Phänomen der Vergangenheit zu untersuchen.

Doch was bedeutet diese Veränderung für unseren Verkehr?
Ein Bekannter, selber der Fahrradkultur zugeneigt, sprach letztens von einem Wertewandel. Was ist, wenn dieses Verhalten ein natürlicher, quasi evolutionärer Vorgang sei? Nur diejenigen, die noch an alten Werten festhielten, würden das Bei-Rot-Fahren nicht billigen. Ich stimmte ihm nicht zu: Weniger aus rationalen Gründen, vielmehr aus Abneigung gegen die Vorstellung, ich müsste mein Denken verändern.

Doch bevor die Frage des Wohin geklärt werden kann, sollte versucht werden, das Warum zu erklären.
Eine These versucht, das Phänomen aus medizinischer Sicht zu betrachten. Diese stuft das Rot der Ampel als allergieauslösenden Faktor, einem Allergen gleich, ein. Die rote Ampel löse beim Patienten einen Reflex aus. Der so Angetriebene könne dann nur noch unter Mühen zum Halten gebracht werden. Das Halten an roten Ampeln könnte den Betroffenen zwar durch Erziehung beigebracht werden, setze jedoch voraus, dass die Erziehenden nicht derselben unheilvollen Krankheit anheim gefallen sind.

Hartnäckig hält sich ein weiteres Gerücht. Die bei Rot Fahrenden hielten das Anhalten vor Kreuzungen für spießig und das Weiterfahren für einen nahezu revolutionären Akt der Befreiung. Frei nach Rosa ist schließlich Freiheit immer die Freiheit der Andersfahrenden. Wer hält, verliert. Von den Radfahrern lernen heißt siegen lernen. Um mit Pittiplatsch dem Lieben eine weitere Figur der Zeitgeschichte zu zitieren: „Da kannste nix machen!“

Möglicherweise stimmt dies alles nicht und das Ignorieren der Ampel geschieht wegen einer von mir nur noch nicht wahrgenommenen Umkehr der Machtverhältnisse: Nicht mehr der Radfahrer muss halten, ausweichen, nicht mehr der Drahtesel-Lenker ist das Opfer, sondern der Pkw-Fahrer? Vielleicht würde sich das Auto bei einem Unfall um mich herumschmiegen wie eine Decke um meine Beine beim heimischen Videoabend mit Filmen von der Tour de France? Sind wir inzwischen unverletzlich wie Superman, könnten jederzeit unbehelligt über jede noch so belebte Kreuzung fahren und haben es nur noch nicht bemerkt? Leise Zweifel bleiben.

Wohin geht also unsere Reise entlang der roten Ampeln? Zu einem riesigen Shared Space? Zu Städten, die eine einzige verkehrsberuhigte Zone sind, miteinander verbunden durch ICE-Gleise und ein Netz von Autobahnen – gigantischen Reservaten für Automobilisten?

Es scheint, als wäre ein Faktor nicht berücksichtigt worden. Dieser stammt erneut aus einer medizinischen Betrachtungsweise. Was ist, wenn dieses Phänomen wie ein Virus wirkt? Wenn Autofahrer – aufgrund der stets allgegenwärtigen zweigeräderten Ampelverweigerer gezwungen, die Geschwindigkeit auf Schritttempo zu drosseln – von Radfahrern lernen? Wenn auch Pkws einfach bei Rot fahren, den Shared Space annehmen und sich überall dort breit machen, wo sie schon als verdrängt galten? Dann wären wir Radfahrer endlich genau das, was wir schon immer sein wollten: Speerspitze einer kulturellen und moralischen Erneuerung, Heilsbringer. Sicher erkennt die Autoindustrie dieses Potenzial beizeiten und wird es hoffentlich zu würdigen wissen. Das klingt zu pessimistisch? Natürlich bleibt die Hoffnung, dass Autofahrer irgendwann einsehen, dass es in der Stadt kaum einen Sinn hat, eine Tonne Blech zu bewegen, wenn man vergleichbar schnell auch preiswerter vorankommen kann. Bekanntlich stirbt die Hoffnung ja zuletzt.

Wir werden unwissenschaftlich, stellen Vermutungen an, wo Beweise gefragt sind.  Diese beizubringen wird Aufgabe für die Zukunft sein. Vielleicht gibt es eines Tages eine Retrobewegung, quasi eine Rotlicht-Therapie, die das Bei-Grün-Gehen wieder attraktiv werden lässt. Fakt ist, dass das Nicht-Halten an roten Ampeln in gewissen Gegenden zu einem verbindenden sozialen Faktor wird: Der, der hält, grenzt sich ab. Er bleibt zurück – und wer möchte schon gern zurückbleiben? Nur der, der fährt, ist sozial. Eine schöne Idee.

Beim nächsten Ampelstopp werde ich darüber nachdenken.

Ihr Rot/Grün-Experte

BikeBlogger.de

Der Artikel ist im Original im Mitgliedermagazin des ADFC Berlin, radzeit Ausgabe 2/2012 in der Rubrik Feuilleton erschienen. Vielen Dank an OL für die Erlaubnis, seinen Cartoon an dieser Stelle veröffentlichen zu dürfen!

5 Gedanken zu „Rotlicht-Therapie

  1. Ich bin bekennender Rotlicht-Beachter. Und ich bin die Speerspitze einer neuen Radfahr-Kultur. So ist das.

  2. Sicher ist auch zurückgehende Religiösität der Verkehrsteilnehmer ein Grund. Ampelstopps die ohne erkennbare Verkehrsursache, eher rituell durch Rotlicht zelebriert werden sollen finden heute, in einer Zeit in der Menschen hoffentlich das Denken von der Technik zurückerobern, nicht mehr so viel Zuspruch wie früher. Wer gelernt hat dem Navigationssystem zu mißtrauen der stellt auch die technische Autorität an anderen Stellen in Frage. Religös rituelle Ampelstopps an leeren Kreuzungen nur um rotem Licht zu huldigen und den Buchstaben der StVo anzubeten sind da einfach nicht mehr zeitgemäß.

  3. Olli ist der Beste ! Bikekultur 2.0, supported by pedeskultur.

    Ich glaube, im Zusammenhang mit roten Ampeln, ist das Religionsthema „etwas“, aber nur ein ganz kleines bischen (…) überwertet. ;-))

  4. Vielleicht sind es aber auch die Ampeln selbst, die nicht mit der Zeit gegangen sind. Müsste im vernetzten Zeitalter nicht jede Ampel, die was auf sich hält, ein „intelligentes“ Verkehrszeichen sein. Dann müsste sie jedem der ihre Signale missachtet sofort erkennen, blitzen und in Flensburg ein paar Punkte aufbrummen. Bei Radlern gäbe es ein Gesichtsscanning und er wird auf Facebook gedisst (und Beweisvideos auf youtube eingestellt). Ausserdem arbeiten alle Ampeln solidarisch zusammen und verfolgen den Sünder, erstellen ein Profil seiner Bewegungen um ihn mit Rotlichtphasen zu quälen. Schenkt man ihr aber den nötigen Respekt, belohnt sie den Radler mit ökologischer „grüner“ Welle.

    so long, big Ampel is watchin you

  5. Für mich ist Rotstoppen nach fast 40 Jahren Führerschein alte Gewohnheit. Bei (seltenen) Autofahrten durch meine neue Heimat Berlin fällt auf, dass das Rotfahren auch unter Autofahrern modern ist. Wer Auto fährt kann ja nicht zugeben, dass er es gar nicht so eilig hat und nur zu faul zum Radeln ist.
    Ob alle ruhiger wären und Rotstopper würden, wenn bekannt wäre, wieviel Tote + Verletzte das Rotfahren kostet ? Oder ist das uncool ?

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