Vätternrunde 2015 – Amreis Bericht

„Sie haben heute eine Trucker-Fähre gewählt“, sagt die Dame mit einem Augenzwinkern am Info-Schalter der Fähre nach Trelleborg. Frau merkt’s … nur gut, dass wir uns die Kabine geleistet haben. Auf den Schlafsitzen hätte ich wohl kein Auge zugetan 😉 Zwischen den ganzen Lkws haben sich aber auch einige Kleinwagen gemischt – alle im Übrigen das ein oder andere Rennrad im Schlepptau. Ganz klar: „See you in Motala!“ Wir haben das gleiche Ziel: 300 km um den Vätternsee in Schweden radeln. Der zweitgrößte See des „schönsten Landes der Welt“.

Rennradfahren in Schweden

Rennradfahren in Schweden

Alles fing an im Jahr 2013, als meine liebe Frau Mama ein wenig enttäuscht nach Ihrer zum ersten Mal gefinishten Vätternrunde berichtete, dass die mitgereisten Herren ihre Zieleinfahrt verpassten und sie daher nicht bildlich festgehalten haben. „Dann komm ich das nächste Mal mit und mache ein Foto von dir“, antwortete ich überschwänglich. Dass sich daran der Kauf eines Rennrades und der Beginn einer neuen Leidenschaft anschließen würde, wusste ich noch nicht. Im Herbst 2014 ergatterte Andreas erfolgreich Startplätze für unsere 6 Mann- bzw. Frau starke Gruppe: Jörg, Steffen, Herbert, Andreas, Britta und meine Wenigkeit. Die geeignete Rennmaschine war auch schnell gefunden und wir freundeten uns, während draußen noch Schnee und Eis lag, im heimischen Wohnzimmer auf dem Rollentrainer an. Ab April begann ich meine ersten Ausfahrten auf der Straße. Schnell wurde mir klar, dass ich noch einiges an Training absolvieren musste, um 300 km am Stück durchhalten zu können. Auch als überzeugte Radfahrerin und auch nicht so untrainierte Frau – sollte diese neue Sportart doch einiges von mir abverlangen. Also verbrachte ich jede Minute restlicher Freizeit, die ich nicht auf Arbeit, in Laufschuhen oder mit einem Handball teilte, auf meinem neuen Bike. All die wunderbaren Menschen, die ich dabei kennenlernte, entschädigten das sofort. Feierabendrunden auf der Havelchaussee – Bäckerausfahrten nach Blankensee – Klassenfahrt ins Fichtelgebirge – der Spaß dabei dominierte immer das definitiv auch anstrengende Training.
Und so war er plötzlich da – der Tag VOR dem Event. Schweden empfing uns mit strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel. Meine Reiselektüre, der Reisebericht der Hoepner-Zwillinge per Rad von Berlin nach Shanghai, sollte mir die Aufregung nehmen. Es geht immer noch schlimmer! 300 Kilometerchen sind da doch ein Klacks! Motala befand sich bereits vollkommen im Radl-Fieber. Die halbe Innenstadt war bereits abgesperrt – in Berlin gäbe es da sicher Großdemonstrationen, würden die Autofahrer über mehrere Tage so in Ihren Grundrechten beschnitten. Abholung der Startunterlagen, Schnäppchenjagd auf der Messe und natürlich das obligatorische Foto auf der Vätternrundan-Statue standen für uns auf dem Programm.

Das obligatorische Foto!

Das obligatorische Foto!

Am Abend Carboloading und Teambesprechung. Wer hat wie viele Trainingskilometer geschafft und sich welches Ziel gesetzt? Werden wir als Gruppe zusammenbleiben können? In welchen Depots wollen wir auftanken? Alles Fragen, die es noch zu klären galt. Früh ins Bett und noch mal ordentlich schlafen – wenn es nur nicht so hell draußen wäre und die Aufregung so groß …

Den großen Tag begannen wir mit einem gemütlichen Frühstück. Die Wetterprognose war auf unserer Seite: strahlender Sonnenschein, günstige Windbedingungen, weit und breit keine Regenwolken. Von Vadstena aus, wo wir nächtigten, konnte man sogar das andere Ufer in der Ferne sehen … was dennoch wenig aufbauend war.

Blick über den Vättern

Blick über den Vättern

Die Bikes mit den Startnummern versehen, Luft aufpumpen, letzter Scheck durch unseren Mechaniker Andreas und natürlich putzen standen auf dem Programm.

Mechaniker

Der Mechaniker

Abschließend die wichtigste Frage „Was zieht man nur an?“ Ein kleines Nickerchen wäre auch noch schön. Um 16 Uhr versammelten wir uns alle im Garten der Jugendherberge zur Pastaparty.

Pastaparty

Pastaparty

Danach noch jeder ein Powernap, Sachen packen und schon rollten wir los nach Motala. Die ersten Fahrer kamen uns auf der anderen Straßenseite entgegen. Unsere Aufregung stieg. Der Marktplatz in Motala war gefüllt mit Radfahrern. Alle starrten auf den Bogen über der Startlinie. In drei Blöcken starteten die ca. 60 Radler starken Gruppen im 2-Minutentakt. Es hatte irgendwie was vom Anstehen auf dem Amt. Irgendwann erschien unsere Startzeit. Schnell noch ein Gruppenfoto und auf in den mittleren Block.

Vor dem Start

Vor dem Start

Der Kommentator begrüßte unser Team übers Mikrofon – waren wohl die einzigen Nichtschweden in dieser Gruppe. Und schon ging es auf die Strecke. Es ging schon im zügigen Tempo aus der Stadt heraus. Britta hatten wir in der Menge leider schon verloren. Die Jungs und ich blieben zusammen und versuchten, uns einzuspielen. Irgendwann trafen wir auf vier schwedische Fahrer, die ein sehr zügiges Tempo hatten, allerdings auch sehr ineffektiv fuhren. An Anstiegen nahmen sie sich immer den Schwung raus, bremsten ab, um dann den Hügel unkontrolliert auf dem Rad schwingend hochzuklettern. Wir waren genervt, aber wollten dennoch bis zum ersten DEPÅ dran bleiben. Nach 102 km erreichten wir Jönköping. Es war schon dunkel.

Jönköping

Jönköping

Andreas und Jörg waren energiegeladen und gaben zu, das erste Drittel hier noch nie so schnell gefahren zu sein. Ich dachte wie immer nix und nahm mir zwei Milchbrötchen.

Als Mitternachtssnack konnte man sich hier noch an Köttbullar und Kartoffelbrei, Blaubeersuppe, Porridge und Knäckebrot mit Marmelade bedienen. Jörg, Andreas und ich machten uns wieder los und rollten gemütlich aus der Stadt raus, um nach der Pause wieder in die Gänge zukommen.

Jönköping

Jönköping

Plötzlich kamen sie an uns vorbei, unsere Pacemaker vom Anfang. Dieses Mal in noch größerer Gruppe. Wir berieten kurz. Andreas und Jörg waren sich einig, das ist ihnen zu schnell in Anbetracht der noch kommenden Kilometer. Ich war so im Tunnel und hörte nur noch „aber wenn du willst, Amrei nur zu“ … Langsam ging die Sonne auf. Man hörte nur das Rauschen der Räder auf dem Asphalt. Ich war absolut entspannt und dachte gar nichts – immer nur meinen Vordermann im Blick. In Hjo (km 171) löste sich die Gruppe auf – nur ein Teil wollte hier pausieren. Ich füllte meine Flaschen auf und nahm einen Koffeinschub, um die restlichen 126 km wach zu bleiben. Das DEPÅ im Hafen strahlte in der Morgensonne.

Sonnenaufgang in Hjo

Sonnenaufgang in Hjo

Ich war so konzentriert, dass mir der Sinn für Romantik in diesem Moment leider fehlte, auch was zu essen zu suchen hatte ich irgendwie vergessen. Ich rollte wieder weiter und war gespannt, wie lange ich alleine sein sollte. Auf den letzten 86 km entlang der Westseite des Sees traf ich immer wieder Fahrer, die sich mir anschlossen und mich an den Versorgungspunkten wieder verließen. Ich spürte eine Hand auf meiner linken Schulter. Herbert mit der Tempogruppe von vorhin … Sie hatten wohl eine längere Pause eingelegt als ich. Ich sollte dran bleiben, aber sie gaben jetzt richtig Gas und ich wusste, dass ich das nicht packe. Meine beiden Mitfahrer verlor ich dabei. Kurz vor der nördlichsten Spitze des Sees fuhr eine große Gruppe in Zweierreihe an mir vorbei. Sie sahen eingespielt aus, also blieb ich dran. Wir kamen auf die Autobahn, die teilweise für die Strecke abgesperrt war. Alles lief gut – und plötzlich ein Knall. Ich lag auf dem Boden. Der Fahrer vor mir hatte wohl einen Plastikpoller übersehen und ist direkt drüber gefahren. Federartig schnallte der Poller wieder zurück und haute mich um. Ich schimpfte nur, sprang auf und begutachtete das Bike. Alles schien noch dran zu sein. Ein Autofahrer hielt und fragte mich, ob alles in Ordnung ist. Ein erster Blick an mir runter – so weich war der Asphalt wohl doch nicht. Ich stieg aufs Rad in der Hoffnung, es lässt mich jetzt nicht im Stich.

Sturz kurz vor dem Ziel

Sturz

Nach den ersten Tritten kamen die Schmerzen, die der Schock zunächst unterdrückte. Mein rechtes Bein und die Hüfte hatten wohl einiges abbekommen. Aber auf den letzten 50 km die Tour zu beenden kam nicht in Frage. Jedes Kilometerschild empfand ich plötzlich als Qual. Mittlerweile brannte auch die Sonne vom Himmel. Ich kam an zwei Verpflegungspunkten vorbei und überlegte, die Erste Hilfe aufzusuchen. Der Blick auf die Uhr hielt mich davon ab. Ich versuchte mich immer an jemanden ran zu hängen, aber irgendwie passte es nicht mehr. Bis ich auf einen Fahrer im blauen „Handelsbanken“ Trikot traf. Er schenkte mir Windschatten und schaute auch immer ob ich noch dran bin. Die letzten Kilometer kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Gegen 9 Uhr morgens erreichten wir endlich Motala und das Ziel. Ich bedankte mich bei Ihm und erzählte von dem Sturz und dass ich ohne ihn wahrscheinlich verzweifelt wäre.

Angeschlagen im Ziel

Angeschlagen im Ziel

Betäubt von Schmerzen durch die Anstrengung und den Sturz konnte ich das alles noch gar nicht realisieren. Ich traf auf Herbert, der nur wenige Minuten nach mir ins Ziel rollte. Wir saßen in der Sonne und nach und nach trudelten auch Andreas, Jörg und Steffen ein. Allen ging es gut, bis auf die steifen Bewegungen, die der Körper macht, wenn man über 10 Stunden auf einem Fahrrad saß. Wir aßen und tauschten unsere Erlebnisse aus. Während Andreas und ich auf der Wiese dösten und auf Britta warteten fuhren die anderen in ihre Herbergen zurück, um verpassten Schlaf nachzuholen.

Komawiese

„Komawiese“

Kurz vor vier konnten wir sie dann im Ziel empfangen und das ersehnte Foto knipsen.

Im Ziel!

Im Ziel!

Fazit: Die Vätternrundan ist durchweg eine sehr gut organisierte Sportveranstaltung. Die Strecken waren sehr gut gekennzeichnet und an unsicheren Punkten standen Helfer die ganze Nacht hindurch. Die Landschaft war herrlich und die Straßen perfekt zum Fahren. Man kann die 300 km bollern oder einfach nur genießen. Allein muss man nie unterwegs sein. Die Fahrt durch die Nacht fand ich optimal, da es nur etwa 2 Stunden (gefühlt, denn die Zeitwahrnehmung fehlte mir irgendwie völlig) wirklich dunkel war und wir so die zweite Hälfte im Morgen fahren konnten, als es noch nicht so warm war. Mit Wind und Wetter hatten wir enormes Glück. Ob wir in zwei Jahren wiederkommen steht noch in den Sternen. 😉

Vielen Dank an Amrei für den schönen Bericht und die Erlaubnis, die Fotos hier zeigen zu dürfen!

Berlin-Triathlon 2015

Beim diesjährigen Berlin-Triathlon 2015 hat die Höhenpunkt Community eine Triathlon-Staffel an den Start geschickt. In einem tollen Wettkampf belegten Julia Neubert (Schwimmen), Georg Inderst (Radfahren) und Amrei Münster (Laufen) auf der Olympischen Distanz einen hervorragenden 4. Platz und kamen als erste Mixte-Staffel ins Ziel.
Herzlichen Glückwunsch!

Mai

2015 habe ich das Vergnügen, euch die Kalenderfotos des One Year of Bicycles-Kalenders vorstellen zu dürfen: wunderschöne Fotografien von herrlichen Fahrrädern, die jedes Sammlerherz erfreuen.

Mai © Peter Rüssmann / ONEYEAROFBICYCLES

© Peter Rüssmann / ONEYEAROFBICYCLES

Das Mai-Model ist ein Vaterland Knabenrad von 1956:

 Ein lockeres Tretlager und zwei platte Reifen sorgten dafür, dass dieses Rad nach nur wenigen Fahrten für mehrere Jahrzehnte in einem Keller verschwand. So blieb der originale Zustand perfekt erhalten. Die geringe Rahmenhöhe weist darauf hin, das dieses Fahrrad als sogenanntes “Knabenrad“ das Werk in Neuenrade verließ.

Nun begleitet das grüne Vaterland seinen Besitzer zuverlässig über die Feldwege und Alleen an der Ostsee, wie schon 1956.
[via One Year of Bicycles]

Der Kalender kann hier online bezogen werden.

Ride of Silence Berlin 2015

20. Mai 2015. In den USA wurde der 11. Ride of Silence begangen. Eine stille Demonstration von Radfahrern, die an die im Verkehr ums Leben gekommenen Radfahrer erinnern soll. Erinnern und ein Zeichen setzen. Gegen Ignoranz des Stärkeren und gegen Ignoranz der Politik, die (nahezu weltweit) Verkehr erst ab einem – in Unfällen häufig todbringendem – Systemgewicht von mindestens 500 kg wahrzunehmen scheint.

In den USA der 11. Ride, in Deutschland der erste. Daniel Doerk vom Blog „it started with a fight…“ hatte die Idee in Osnabrück aufgegriffen, Heinrich Strößenreuther von der Inititative Clevere Städte daraufhin auch für Berlin umgesetzt. Ohne Plakatationen, lediglich über einen Aufruf auf Facebook.

Heinrich Strößenreuther (links) mit Fares Gabriel Hadid (Berliner Fahrrad Schau)

Heinrich Strößenreuther (links) mit Fares Gabriel Hadid (Berliner Fahrrad Schau)

Vor dem Start

Vor dem Start

19:15 setzte sich die – geplant aber dennoch ungewohnt stille – Menge in Bewegung. So, wie dies bereits in einigen Städten in Australien, Singapur und anderen Staaten der Erde geschehen ist und wie es bald auch in nahezu allen Bundesstaaten der USA, in Mexiko, Kanada und Brasilien (aber immer zu 19 Uhr Ortszeit) der Fall sein sollte. Zeitgleich mit 9 anderen deutschen Städten, in Schweden und in Südafrika.

1300 Radfahrer zählte die Berliner Polizei, die mit ihrer Fahrradstaffel die Demonstration begleitete. An einigen Stellen, an denen Radfahrer ihr Leben ließen (und die „Geisterräder“ des ADFC Berlin aufgestellt waren), wurde angehalten und der Toten gedacht.

Geisterrad

Geisterrad

Trotz des traurigen und immer wieder wütend machenden Anlasses war die Stimmung gelassen und positiv gestimmt. Es ging nicht darum, Angst zu machen, sondern zu ermahnen und Veränderungen der Verkehrspolitik statt lauer Reden und unsinniger (und unnötig teuerer) Darth Vader-Kampagnen einzufordern.

Ein Wermutstropfen bleibt jedoch nach diesem positiven Fazit: wo war der ADFC, der weder durch den Bundesverband noch durch den Berliner Landesverband offiziell den Berliner Ride of Silence mitgetragen hat?

Abschlusskundgebung vor dem Roten Rathaus

Fotos zum Rides of Silence findet ihr in der Galerie.