Neuerscheinung: Rad und Raus von Gunnar Fehlau

Gunnar Fehlau, Gründer und Geschäftsführer von Pressedienst Fahrrad und Herausgeber des Magazins fahrstil, gehört zu den Typen, die jede Branche, jeder Sport braucht. Gäbe es sie nicht, müssten sie erfunden werden. Außenstehenden mag er manchmal etwas speziell vorkommen. In meinem Bekanntenkreis ist er jedenfalls der Einzige, der seine E-Mails auf dem iPad beim Training auf der Radrennbahn beantwortet hat. Dies gehörte seinerzeit zu den Kompromissen, die er eingehen musste, um Familie, Job und Training für die „Great Dilvide“ unter einen Hut bringen zu können.
Gunnar redet gern und: man hört ihm gern zu. Wer ihn bei einer Veranstaltung als Moderator oder Gast erlebt hat, kann dies bestätigen. Er redet nicht nur gern, er weiß auch, wovon er redet. Klar, dass er in der Fahrradbranche bekannt ist wie ein bunter Hund und auch gern als Experte befragt wird, wenn es gleichermaßen um Kompetenz wie um Eloquenz geht.
Dieses Fachwissen, das er wortwörtlich erfahren hat, spürt man auch in seinem neuen Buch „Rad und Raus“. Reines Fachbuchwissen erhält man nur in homöopathischen Dosen. Was Gunnar beschreibt, hat er in der Regel selbst erlebt oder ausprobiert. Der Untertitel, den der Verlag dem Buch verordnet hat, ist nicht einmal zu dick aufgetragen: „Alles für Microadventure und Bikepacking“. Es wird tatsächlich alles angesprochen, was wichtig, sinnvoll oder wissenswert ist. Den Umgang mit den „Gefahren“ mitteleuropäischer Wildtiere (glücklicherweise hauptsächlich Ameisen oder Mücken), die Auswahl eines Biwakplatzes (Rechtslage!) oder der Feuerstelle und das Kochen unterwegs bis hin zum naturverträglichen „Geschäft“: kein Thema wird ausgelassen. Sicherlich: 150 Seiten im Taschenbuchformat lassen nicht den Platz, um jedes Thema bis ins Detail auszuleuchten. Ein paar Tipps für Erste-Hilfe-Reparaturen unterwegs müssen reichen. Ebenso 1 1/2 Seiten zum Fotografieren unterwegs. Wer mehr will oder benötigt, findet im Internet und Spezialbuchhandlungen reichhaltige Literatur in jeder erdenklichen Ausführlichkeit.
Stichwort Fotografie: endlich mal ein Bereich, in dem GuF kein ausgemachter Experte ist. Seine Fotos sind in der Mehrzahl gut bis sehr gut, die Tipps hingegen halten nicht immer mit der Qualität des restlichen Buchs mit. Es gibt sogar einen kleinen Fehler: der Autor empfiehlt die Blendenautomatik* zur Steuerung der Tiefenschärfe. Doch bleibt dies eine Ausnahme.

Dogmatismus ist Gunnar fremd. Zum Overnighter mit dem E-MTB? Klar, warum nicht?

Und, ja, auch dieses „Pseudo-Tabu“ brechen wir hier lustvoll: Lithium und Lagerfeuer passen bestens zusammen.

[Rad und Raus, S. 65]

Selbst das Falt- oder Lastenrad findet im Fehlauschen Bikepacking-Kosmos seinen Platz. Mit der Bahn und dem Faltrad zum Termin und anschließend einen Overnighter? Kind und Kegel auf’s Lastenrad und ein paar Kilometer außerhalb der Stadt grillen und übernachten? Geht!
Mit zwei Sätzen bringt er seine „Philosophie“ des Bikepackings auf den Punkt:

Dein Rad ist das richtige Rad – finde nun das passende Abenteuer dafür. Und wenn du andererseits ein bestimmtes Abenteuer im Sinn hast, finde das passende Rad dafür.

[Rad und Raus, S. 55]

Mein Fazit: Flüssig und (habe ich es evtl. schon erwähnt?) kompetent geschrieben und von Gunnars „Hauslektor“ Klaus Bartelt hervorragend lektoriert, sollte Rad und Raus in keiner Fahrradbibliothek fehlen. Das, was ich bereits anlässlich seines Bikepacking-Vortrags bei velophil. schrieb, gilt abgewandelt auch für das Buch: Auch, wenn ihr nicht mit dem Rad zum Übernachten rausfahren wollt. Egal. Lest es!

Gunnar Fehlau: Rad und Raus
1. Auflage 2017
ISBN 978-3-667-10929-3
Delius Klasing & Co. KG, Bielefeld

*Gemeint ist jedoch die Blendenvorwahl (bei Canon z.B. mit AV – aperture value gekennzeichnet): das ist die Zeitautomatik. Der Tipp, eine 50mm-Festbrennweite (Kleinbild) zu verwenden, um das Fotografieren zu erlernen, ist an sich nicht ganz verkehrt. In der Praxis ist dieser aber nicht zielführend: die wenigsten Menschen verfügen über Kameras, bei denen ein 50mm-Objektiv dem normalen Blickwinkel des menschlichen Auges nahe kommt. Dies galt zu Analog-Zeiten für die Mehrzahl der hochwertigen Kameras im Hobbybereich. Heute wird der Massenmarkt von Kameras beherrscht, bei denen ein 50mm-Objektiv einem leichten (APS-C-Kameras) bzw. etwas stärkeren Teleobjektiv (Micro Four-Thirds, MFT) nahekommt. Für gängige APS-C-Digitalspiegelreflexkameras (z.B. Canon EOS 700D oder Nikon D5500) wäre ein 30mm-Objektiv die richtige Wahl.

Aufs Rad und raus! – Kurztrips in die Natur

Gunnar Fehlau, langjähriger Fahrradenthusiast, wortgewandter Presseprofi und umtriebiger Vertreter der „Overnighter“-Szene, ist am kommenden Freitag bei Velophil in Berlin zu Gast. In seinem kurzweiligen Vortrag will er uns die Idee des „Bikepacking“ näherbringen. Weiterlesen