Berliner Fahrradschau – Trend Gravel & Bikepacking

Cyclocross

Gravel? Bikepacking? Vor wenigen Jahren noch gab es Mountainbikes und ein Nischenprodukt namens „Cyclocross“ . Und es gab Reiseräder. Das eine waren Räder mit dicken Rohren und dicken Reifen, die von verrückten Menschen auf Strecken, die normale Menschen nur mit einer Risikolebensversicherung zu Fuß zurücklegten, gefahren wurden. Cyclocross war hingegen der amerikanische Begriff für „Radcross“ und bezeichnete ursprünglich  einen Sport, der mit Rennrädern mit Stollenreifen in Sand und Matsch ausgetragen wurde – also einen ziemlichen Unsinn.

Dann war da noch das „Reiserad“ . In der klassischen Version eine Art Rennrad mit Gepäckträger, mit dem man auf gut asphaltierten Straßen und verhältnismäßig leichtem Gepäck – auf 2 bis 5 Packtaschen verteilt – reisen konnte. Das machten aber – hier schließt sich der Kreis ein erstes Mal – nur ziemlich verrückte Mitmenschen.

Seit der Etablierung von „Bett & Bike“ in der Tourismusbranche ist das Verreisen mit dem Fahrrad Mainstream. Egal ob Baumarkt-Trekkingrad oder Hightech E-Bike: stabile Gepäckträger montiert, Packtaschen drauf und los geht der Abenteuerurlaub. Erholsam, aber nicht mehr wirklich spannend.

Fatbike – reisefertig

Irgendwann stellten ein paar – schon wieder dieses Wort – Verrückte fest, dass sich Mountainbikes und Crossbikes nicht nur für Wettkämpfe auf Singletrails und märkischen Sandhügeln eignen, sondern eine stabile Grundlage bieten, um mit wenig Gepäck fast überall hinzukommen. Um das „fast“ noch stärker zu relativieren erfanden pfiffige Mitmenschen das „Fatbike„, das auf monsterbreiten Reifen rollend fast keine Grenzen mehr kennt. MTB, Crosser und Fatbike – ein paar Taschen rangedengelt und los geht es: Wälder, Grenzwege, märkische Sandberge – kein Terrain ist mehr unerreichbar.

In der Zwischenzeit kam aus den USA (woher auch sonst?) ein neuer Trend: Gravel. Ein Gravelbike ist eigentlich ein Rennrad, mit dem man auch auf schlechterem Untergrund fahren kann. Nicht direkt im märkischen Sand wie die Crosser und ganz bestimmt nicht auf Singletrails wie die Mountainbikes. Aber dazwischen fast überall. Schaut man rund 80 bis 100 Jahre zurück, sieht man Bilder von Radsportlern auf Rädern mit dicken Schlauchreifen auf italienischen, französischen oder deutschen Schotterpisten: im Grunde die ersten Gravelbiker. Wie dem auch sei: schnell wurde das Gravelbike auch in hiesigen Gefilden heimisch und genauso schnell entdeckte die Industrie, dass die Kombination Gravelbike + Tourismus eine neue Nische eröffnet.

Packtaschenhersteller, allen voran Ortlieb, konstruierten maßgeschneiderte Taschen, die ohne jeglichen Anbau am Rad auskommen, dem Fahrrad die Agilität belassen, die deren Besitzer schätzen und die dennoch das (Minimalgepäck) für einen „Overnighter“ bewältigen können.

Auf der Berliner Fahrradschau am vergangenen Wochenende musste man schon recht blind herumlaufen, um die vielfältigen Interpretationen dieses Themas zu übersehen: Gravelbikes, die eher an moderne Carbonrennräder erinnern (gesehen bei Rosebikes), die jedoch nicht für den Gepäcktransport gedacht sind, fast klassische Reiseräder mit schmalen Reifen bis hin zu reinen MTBs und Fatbikes (z.B. von Salsa), ausgestattet mit dem klassischen Overnighter-Taschenset zeigten die Bandbreite des Gravel bzw. Bikepacking auf. Zwischen diesen Extrempositionen kann man fast den gesamten Markt einordnen. Hier mit etwas mehr Leichtlauf (Velocipedo OutRider), dort mit massivem Federweg am Vorderrad (Salsa Woodsmoke) oder fast klassischer Rahmenform trotz Scheibenbremsen und Nabenschaltung (Soma Wolverine). Auch der Übergang zum Stadt- und Tourenrad verläuft fließend. Nimmt man statt des (meist etwas breiter ausfallenden) Rennlenkers beim Gravelbike einen flachen Lenkerbügel und eine etwas gemäßigte Geometrie, landet man beim „graveltauglichen“ Stad- und Reiserad (z.B. der Prototyp des Rotor Meteor).

Die Mehrheit der ausgestellten Räder war mit 1×10 oder 1×11-Kettenschaltung, einige auch mit Nabenschaltung ausgestattet. Scheibenbremsen sind in diesem Bereich fast schon als Standard zu bezeichnen. Bei den Lichtanlagen gab es im Grunde nur zwei Extreme: SON bzw. Supernova-Nabendynamos und -Lampen oder gleich ganz ohne. Der Kunde hat meist schon etwas Passendes im Keller.

In der Galerie findet ihr meine gravel- und bikepackinglastige Auswahl des BFS-Sonntags. Natürlich war dies nicht das einzige Highlight, für mich jedoch das herausragende Thema dieser Messe: sportlich, praxistauglich und gleichzeitig innovativ.

Die Flitzer:

Die Klassiker:

Die „fürs Grobe“:

Die „dazwischen“ – nicht ganz so extrem, dafür teilweise mit besonderen Details. Das „Rondo Ruut AL“ ist beispielsweise durch eine verstellbare Achsaufnahme an der Vorderradgabel auf unterschiedliche Ansprüche (Wendigkeit/Geradeauslauf) einstellbar. Das 8bar Mitte soll über Crowdfunding finanziert werden und bietet die Option, das Rad mit geringen Umbauten vom Rennrad zum Crosser / Gravelbike bzw. zum Reiserad zu verwandeln.

Die Verspielten (man beachte die „Werkzeug“-Aufnahmen am Seren):