Neben der Spur. Das Fahrradhasserbuch. Eine Buchkritik.

Patricia Pantel und Andreas Keßler, die Moderatoren der „Sonntagsfahrer“ auf radio1 haben das „Fahrradhasser-Buch“ gelesen und mit der Autorin, der Journalistin Anette Zoch gesprochen. Das Interview ist unter diesem Link nachzuhören (Sendung vom 6. März 2011).

Einiges, das die Autorin nervt, ist wohl bekannt. Dass die Verkehrsmoral von Radfahrern nicht unbedingt vorbildhaft ist, muss eigentlich nicht extra thematisiert werden. Eine Analyse, warum dies so ist, fehlt jedoch (oder ist mir nicht bekannt) – genauso wie Ansätze, dies zu verändern. Das Fahrradhasser-Buch als erster Schritt in diese Richtung?

So begann mein Artikel zum „Fahrradhasserbuch“ am 07.03.2011. Inzwischen stolzer Besitzer dieses Buches möchte ich meinen ersten Eindruck durch eine ausführlichere Kritik ergänzen.

Die Autorin sagt von sich, sie sei Fahrradfahrerin. Dass man als Radfahrer mitunter Wut auf andere Verkehrsteilnehmer – und immer öfter auch gegenüber anderen Radfahrern – empfindet, ist nichts Neues. Von der Wut zum Hass ist es jedoch ein weiter Weg. Wenn jemand im Zusammenhang mit Radfahrern von Hass schreibt, sollte man dies doch mit einem gewissen Augenzwinkern tun.

Erwartet hatte ich daher eine liebevolle „Abrechnung“ mit „uns Radfahrern“. Eine Betrachtung aus einem Blickwinkel, der mir nicht unbekannt ist. Umfangreiches, durch akribische Recherche erworbenes Wissen über grundlegende Erkenntnisse, Statistiken und Regeln zum Radfahren hatte ich selbstverständlich vorausgesetzt.

Gleich bei der Einleitung wurde ich bitter enttäuscht. Frau Zoch bewies hier, dass sie vor allem gut abschreiben, aber weniger gut recherchieren kann: „48 % der schweren Unfälle wurden von den Radfahrern selbst verursacht“. Soweit so gut – aber in der Kernaussage leider falsch. Unglücklicherweise ist das Radfahren gemeinhin nicht ganz ungefährlich. Ein Sturz über einen Stein oder eine Bordsteinkante kann bereits zu schweren Verletzungen führen. Solche Unfälle – egal ob von Kindern oder Greisen – gehen in diese 48 % genauso ein wie Unfälle unter Radfahrern (bei denen immer ein Radfahrer Verursacher ist) oder tatsächlich durch Fehlverhalten verursachte Verkehrsunfälle mit Kraftfahrzeugen. Zugegeben, dies kann man auch mitunter in anderen, durchaus fahrradfreundlichen Publikationen lesen.

Was bietet uns das Fahrradhasserbuch sonst noch? Es beginnt mit den häufigsten Fehlern, die Radfahrern unterlaufen. Rotlichtverstöße, Gehwegradfahren, etc. Auch hier ein Lapsus: Rechts an der stehenden Autoschlange vorbeizufahren ist gemäß StVO ausdrücklich erlaubt, die Autorin hält dies jedoch für falsch. Ansonsten: ok, das meiste kennt man.

Dann folgt eine Typologie der „nervigsten Radlertypen“. Es beginnt mit dem „Tugendradler“, lässt auch Eltern mit Kinderfahrradanhängern („Nachwuchs-Kutscher“) nicht aus und endet mit dem „Radl-Rentner“.
Die ersten Beschreibungen machen – mit etwas Abstand und dem eingangs bereits erwähnten gewissen Augenzwinkern betrachtet – noch Spaß. Einige der „Typen“ scheinen uns bekannt zu sein, über manche hat man sich selbst schon geärgert. Nach der vierten oder fünften Beschreibung jedoch ist das Schema bekannt, so dass es zum Ende hin eher ermüdend wirkt.

Natürlich darf auch eine Zusammenstellung der unnützesten Accessoires für Radfahrer nicht fehlen. Skurrilitäten, die man durchaus selber belächelt stehen hier in schönster Eintracht mit Dingen, die einen immensen Nutzwert haben, wenn – ja wenn – man sich die Mühe macht, den Sinn zu hinterfragen. Dies ist jedoch nicht das Ansinnen der Autorin. Ich bin daher schon gespannt auf ihr nächstes Werk, zum Beispiel über Kraftfahrzeuge, in dem sie dann alle Teile eines Autos, die sie nicht versteht, als unnütz darstellt. Die Welt kann halt so einfach sein.

Wirklich ärgerlich wird das Buch jedoch, wenn es am Ende um Liegeradfahrer geht: Nachdem uns von der Autorin klar gemacht wurde, dass Liegeräder keinen wirklichen Nutzen haben kulminiert ihre Abneigung gegen diese Radfahrergruppe in dem Satz: „Dabei ist die Fortbewegung im Liegen vor allem eins: würdelos“. Ich weiß nicht, was „die Liegeradler“ der Autorin angetan haben. Derart verhöhnt zu werden, dürften sie jedoch kaum verdient haben.

Etwa nach 2/3 des (eher dünnen) Büchleins fragt man sich, wann es endlich zu Ende geht – und was der Sinn hiervon sein kann. Zu wenig Humor, zu viel Verbissenheit. Würde die Autorin wenigstens etwas Empathie für die von ihr so gescholtenen Radfahrer aufbringen – man wäre geneigt, ihr Einiges zu verzeihen. So bleibt es bei einer wertlosen Anhäufung von Allgemeinheiten, banalen Aussagen und Sprüchen, die den Kaufpreis von 9,90 € nicht rechtfertigen.

  • Neben der Spur. Das Fahrradhasserbuch
  • ISBN 978-3836302784
  • Verlag Sanssouci, 2011
  • 9,90 €

5 Gedanken zu “Neben der Spur. Das Fahrradhasserbuch. Eine Buchkritik.

  1. Ah, besten Dank. „Stellenweise grauenhaft (wahrscheinlicher: gar nicht) lektoriert“ und „Zu dumm um wahr zu, sein“ befand bereits die FAZ. „Neben der Spur“ – so der nur allzu wahre Titel des Büchleins …

  2. Danke für’s Durchquälen. Ich frage mich auch, was einen Verlag dazu treibt, schlechte Bücher zu veröffentlichen bzw. nicht mal die von Dir angeführten Punkte zu überprüfen. Aber das nimmt ja leider zu. Unglücklicherweise glauben Menschen noch immer alles, was zwischen zwei Buchdeckel gepresst wurde.

  3. Ich kann mich an das Interview im Radio erinnern, wobei es mir vorkam, als würde sie eher eine „Auch-Radfahrerin“ sein und mehr aus der Autofahrerperspektive berichten.

    Während des Gespräches lässt sie fallen, dass sie auch zu den Radfahrern gehört, die, sobald im Sattel sitzend, plötzlich alle Verkehrsregeln vergessen.

    Fazit: sie regt sich über Leute auf, die sich wie sie selbst benehmen. Statt das zu reflektieren und am eigenen Verhalten zu arbeiten, fordert sie eine Art „Fahrradführerschein“…

    Aber danke fürs durcharbeiten und verbloggen, bei so viel Leidensfähigkeit ist Paris-Brest-Paris ein Sonntagnachmittagsausflug 😉

  4. @Jule @Anke: Danke für die Blumen. Paris-Brest-Paris schiebe ich doch eh so zwischendurch als Entspannungsübung ein 😉

    @Wolfgang: oh, hätte ich es gar nicht lesen müssen? Ich sollte wohl öfter zur FAZ greifen bzw. surfen. Hast du es als Print gelesen oder online? Falls online: hast du den Link?

  5. Danke für die Rezension, dann kann ich ja beruhigt was anderes lesen. 😉

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